RE: Der Goldstandard

#1 von Spitze Feder , 03.01.2017 01:45

Der Artikel in diesem Post behandelt nur teilweise den Goldstandard, aber Stabilität bzw. Solidität passen doch auch sehr gut:

So etwas wie „stabiles“ Geld kann es nicht geben

Der Autor sieht das gegenwärtige System als Versuch, 'stabiles' Geld zu produzieren, im Gegensatz zu einem Edelmetallstandard, der für ihn 'solides Geld' darstellt. Soweit kann ich folgen.

Zitat
Der Goldstandard ist die höchste Form der Annäherung an ein solides Geld, die je erreicht wurde. Der größte Vorteil eines Goldstandards liegt darin, die Möglichkeiten einer Regierung einzuschränken, sich in legaler Fälschung zu betätigen.[3] Dieser Vorteil übertrifft bei weitem die wenigen Nachteile, die mit der Verwendung von Gold als einem Tauschmittel verbunden sind ...


Am Ende geht er darüber hinaus, und da bekomme ich Zweifel:

Zitat
Dies sollte österreichische Ökonomen* natürlicherweise dazu führen, ein Tauschmittel zu bevorzugen, dessen Angebot noch stabiler ist als das von Gold: eine weltweite, auf der block-chain-Technologie basierende Währung. Wenn Geld eine solche Kryptowährung (bspw. Bitcoin) wäre, wäre dessen Fälschung unmöglich, da es nichts an einer Kryptowährung zu fälschen gäbe. Banken würden nicht länger Einlagen verwalten, da diese Einlagen außerhalb des Bankensektors in Kryptogeldbörsen lagern würden. Dies würde das Teildeckungsbankensystem faktisch beenden (hier und hier) und es den Banken unmöglich machen, Geld aus dem Nichts zu schaffen. Was aber ist mit der legalen Fälschung? Normalerweise würde es diese nicht geben, jedoch bedingen alle Währungssysteme Regierungen, die sich an die allgemeinen Spielregeln halten. Der Goldstandard endete, als die Regierungen ihren Teil des Gesellschaftsvertrages brachen und sich nicht mehr an diese Regeln hielten


Und genau an diesem letzten Satz hängt es: Natürlich kann man Regeln schaffen, die es dann ermöglichen, auch Bitcoin-Derivate zu schaffen. Und demgegenüber steht der extreme Nachteil, dass man für die heutigen Kryptowährungen funktionierende Computernetze braucht, wenn man sie verwenden will (nicht nur aufbewahren). Aber das ist dann eigentlich eine Diskussion für den Bitcoin-Faden.

* Österreichische Ökonomen bezeichnet hier keine Nationalität, sondern Anhänger der sog. Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

 
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RE: Der Goldstandard

#2 von Lord Whisper , 03.01.2017 08:57

Meine Meinung:
Ein reiner Goldstandart ist überholt und in der heutigen Zeit unzweckmäßig. Der Goldstandart passte gut in die Zeiten, in denen es vor allem regionale Märkte gab. Kaufleute die im Im- und Export tätig waren, konnten die dafür benötigten überschaubaren Geldmengen, in Truhen (Schiffe) oder im Geldbeutel mit sich führen. Der Handel bewegte sich ebenfalls in meist im für eine Person oder eine geringe Zahl von Personen überschaubaren Mengen.
Heute ist dies fast unmöglich, da sich Schiffsladungen aus den Waren, einer großen Zahl Kaufleuten zusammensetzen und extrem hohe Werte (Mrd.-Summen pro Schiffsladung im Containergeschäft) bewegt werden. Piraten stellen auch heute noch ein Sicherheitsrisiko der Schifffahrtsbranche dar.

Zu den Kryptos:
Diese sind vom Staat genauso manipulierbar wie jede andere Kunstwährung. Der Staat braucht nur die Rechenkapazität von frei auf dem Markt erhältlichen Computern einschränken oder die benötigte Energie für Endverbraucher so hoch ansetzen, dass sich die Berechnung neuer Kryptos für den Privatmann nicht mehr rechnet.
Der Staat könnte weiter per Gesetz die Geldschöpfung komplett auf staatliche "Geldschöpfstellen" beschränken.
Die Anzahl der Kryptos ist in keiner Weise begrenzt, jederzeit können weitere Kryptos entstehen (Wie viele neben Bitcoin gibt es heute schon?), bzw. kann man die Serien, zB. die Bitcoin durch Bitcoin2, Bitcoin3 usw, frei.nach dem Bedarf des Staates erweitern.

 
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RE: Der Goldstandard

#3 von Spitze Feder , 03.01.2017 10:31

Zitat von Lord Whisper
Meine Meinung:
Ein reiner Goldstandart ist überholt und in der heutigen Zeit unzweckmäßig. Der Goldstandart passte gut in die Zeiten, in denen es vor allem regionale Märkte gab. Kaufleute die im Im- und Export tätig waren, konnten die dafür benötigten überschaubaren Geldmengen, in Truhen (Schiffe) oder im Geldbeutel mit sich führen. Der Handel bewegte sich ebenfalls in meist im für eine Person oder eine geringe Zahl von Personen überschaubaren Mengen.
Heute ist dies fast unmöglich, da sich Schiffsladungen aus den Waren, einer großen Zahl Kaufleuten zusammensetzen und extrem hohe Werte (Mrd.-Summen pro Schiffsladung im Containergeschäft) bewegt werden. Piraten stellen auch heute noch ein Sicherheitsrisiko der Schifffahrtsbranche dar.


Da werden wir noch einiges aufzuarbeiten haben.

Zu den Details eines möglichen neuen Goldstandards empfehle ich Prof. Fekete. Real Bills sind Teil der Lösung.

Ausserdem kann man im internationalen wechselseitigen Handel bei entsprechendem Vertrauen ja auch einfach 'Netting' betreiben und Positionen regelmässig, aber nicht unbedingt sofort glattstellen. Längerfristig müssten die Handelsbeziehungen ja sowieso weitgehend ausgeglichen sein.

Und bevor jetzt irgendwann noch das Märchen von den staubkorngrossen Goldmünzen kommt: Im täglichen Leben gibt es keinen Grund, nicht auch sowohl Papiergeld als auch unedle Münzen zu verwenden. Auch Überweisungen sind kein Problem. Wichtig ist, dass das Geld entsprechend hinterlegt ist und von jedem auch in physisches Edelmetall eingelöst werden kann.

 
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RE: Der Goldstandard

#4 von Lord Whisper , 03.01.2017 13:24

Zitat von schwma2033
Längerfristig müssten die Handelsbeziehungen ja sowieso weitgehend ausgeglichen sein.



Darin liegt das Problem, einen Ausgleich wird es nie geben können. Dazu müssten alle Ressourcen gleichmäßig verteilt sein. Ich meine nicht nur Rohstoffe, sondern auch die Ressource Mensch, Anbaufläche usw.. Klima auch so ein Faktor der ungleich verteilt ist. Einige Nationen müssten auf wundersame Weise die gesamte Technische Revolution innerhalb kürzester Zeit aufholen. Andere Nationen müssten ihre Überschüsse abbauen ---> dann wankt aber auch gleich einmal der Traum vom Sozialstaat oder eines BGE, da beides nur aus den Überschüssen der jeweiligen Nation und auf dem Rücken benachteiligter Nationen zu bezahlen sind.

 
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RE: Der Goldstandard

#5 von Spitze Feder , 03.01.2017 14:51

Zitat von Lord Whisper

Zitat von schwma2033
Längerfristig müssten die Handelsbeziehungen ja sowieso weitgehend ausgeglichen sein.


Darin liegt das Problem, einen Ausgleich wird es nie geben können. Dazu müssten alle Ressourcen gleichmäßig verteilt sein. Ich meine nicht nur Rohstoffe, sondern auch die Ressource Mensch, Anbaufläche usw.. Klima auch so ein Faktor der ungleich verteilt ist.


Und ? Mylord wollen doch sicher nicht der globalen Gleichheit das Wort reden ?

Freiheit und Gleichheit sind nicht völlig kompatibel, denn mit der Freiheit kommt es zu Entwicklungen, die zu Ungleichheit führen. Das Leben war, ist und wird immer - ungerecht bleiben. Eine Frage ist allerdings, wie man bei der ungerechten Verteilung global zumindest lokal etwas mehr Fairness hineinbringen kann - und da ist Fiatgeld bisher gescheitert. Mittelfrsitig könnte sich die fairere Verteilung dann sogar global ausbreiten (s.u.).

Zitat von Lord Whisper
Einige Nationen müssten auf wundersame Weise die gesamte Technische Revolution innerhalb kürzester Zeit aufholen.

Warum ? Gerade das wurde ja die letzten Jahrzehnte (und im Ganzen nicht wirklich erfolgreich) versucht. Es braucht nicht jeder auf der Welt ein Spyphone, einen Riesenfernseher, eine dicke Karre. Nicht einmal bei uns. Und selbst bei uns kann sich längst nicht jeder die Gadgets leisten die er gerne haben möchte.
Sicher wäre es irgendwie diskriminierend, wenn 99% der Handys in Afrika auf dem Niveau von vor zehn Jahren wären. Die Lebensqualität wäre dadurch aber kaum schlechter.
Und darüber hinaus gehende Technik wird (bis auf den Waffensektor) in der Breite sowieso kaum wirklich nachgefragt.

Zitat von Lord Whisper
Andere Nationen müssten ihre Überschüsse abbauen

Richtig, und zwar kräftig. Der 'Ertrag' dieser Überschussproduktionen steht doch sowieso nur auf dem Papier. Würde man versuchen, ihn zeitnah zu realisieren: Bumm !

Einerseits sollten alle, sagen wir es mal vorsichtig, Weltregionen mehr für den eigenen Bedarf arbeiten. Eine Grundversorgung der eigenen Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern sollte jederzeit möglich sein. Sonst werden die Georgia-Steinchen mit ihren Ruf nach drastischer Bevölkerungsreduktion irgendwann unangenehm Recht behalten.

Danach kann man dann überlegen, was man für den gegenseitigen Austausch produziert. Nur dieser Teil (und das sollten wie gesagt eher 'Luxusgüter' sein als Güter des täglichen Bedarfs) muss ja überhaupt verrechnet werden. Und Luxus ist per definitionem nicht lebensnotwendig.

Und was machen wir mit unserer ganzen 'überschüssigen' Manpower ? Mal abgesehen davon, dass z.B. Deutschland als prinzipiell alterndes Land (und das ist/war gut so, auch wir sind zu viele) ja ein paar Anforderungen hat, die sich nicht einfach automatisieren lassen, und von unserem Investitionsstau im öffentlichen Bereich im dreistelligen Milliardenvolumen: Man könnte sein eigenes Land auf allen Ebenen weiterentwickeln. Wie man die Leute aktiv bekommt ist eine gute Frage, aber umsetzbare Ideen sollten ausreichend zu entwickeln sein. All das ist am Ende kein Geldproblem, sonst wäre es mit Fiat ja einfach. Es ist ein Motivationsproblem, und ein Priorisierungsproblem. Und da könnte ein sichtbar faireres System durchaus helfen.

Zitat von Lord Whisper
Andere Nationen müssten ihre Überschüsse abbauen ---> dann wankt aber auch gleich einmal der Traum vom Sozialstaat oder eines BGE, da beides nur aus den Überschüssen der jeweiligen Nation und auf dem Rücken benachteiligter Nationen zu bezahlen sind.

Ja, der heutige Sozialstaat und ein BGE sind mit einem Goldstandard unvereinbar. Ich gehe nicht soweit, Bedürftige rein auf Almosen zu verweisen, wie es Hardcore-Libertarians u.U. machen. Aber eine echte Grundversorgung müsste reichen. Und ein neues Bewusstsein: Armut ist nicht (zumindest nicht unbedingt) eine Schande.

Die globale Ungleichheit wird dabei nicht gleich verschwinden, eher (wenn man eben die Oberflächlichkeiten wie Spyphone-Verteilung betrachtet) sogar temporär zunehmen. Dafür sollte man beginnen, echte Entwicklungshilfe zu leisten. Heute bekommen manche Länder Geld nachgeworfen (das meist bei ihren 'Eliten' versickert und in Luxus umgesetzt wird), sie bekommen Nahrungsmittelhilfen (die zu noch grösseren Engpässen führen) oder 'dürfen' unsere Nahrungsüberschüsse billig importieren (was deren heimische Versorgung zerstört).

Wenn sich die Wirtschaft wieder weniger global, sondern mehr regional abspielt (und jeder seine eigene Grundversorgung priorisiert) wäre das für viele 'arme' Länder mittelfristig äusserst positiv. Der Hebel dazu ist der Goldstandard: Wenn die Industrie aus den Ländern kein Gold ziehen könnte, käme kein Mensch auf die Idee, in grossem Massstab zu liefern.
Und wenn 'wir' eine Gesellschaft aufbauen, die nicht (und sei es nur scheinbar) von Exporten abhängt, könnten wir ohne Probleme echte technische Entwicklungshilfe leisten, ohne dass es uns wehtut. Ob das angenommen wird ist eine andere Frage, da gibt es durchaus unterschiedliche Lern- und Leistungskulturen in der Welt. Aber Entwicklungshilfe sollte immer primär Know-How und erste Umsetzung sein, nicht dauerhafte Betreuung und materielle Hilfslieferungen (ausser in akuten Notsituationen). Und es ist nicht einmal immer sehr ratsam, den Empfängern einige Entwicklungsstufen zu ersparen.

Leicht utopisch, zugegeben. Und der Übergang hat durchaus seine Tücken.

Vielleicht gäbe es bei uns auch nicht mehr ganz so viele Bananen, Ananas, Mangos. Aber die schmecken hier sowieso nicht so gut wie in ihren Heimatländern.

 
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RE: Der Goldstandard

#6 von Philharmoniker , 03.01.2017 18:35

Kann jemand kurz etwas zum Thema Goldstandard und Wirtschaftswachstum sagen? Hitler sagte einmal, das Geld habe exakt den Wert, der ihm durch erzeugte Güter und Dienstleistungen entgegensteht.

Wie soll ein Wirtschaftswachstum möglich sein, wenn nur die Geldmenge ausgegeben werden darf, die als Gold hinterlegt ist?

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RE: Der Goldstandard

#7 von Lord Whisper , 03.01.2017 19:08

Zitat von betzner
Wie soll ein Wirtschaftswachstum möglich sein, wenn nur die Geldmenge ausgegeben werden darf, die als Gold hinterlegt ist?



Wirtschaftswachstum kann man dann vergessen.

Zitat von schwma2033

Zitat
Lord Whisper hat geschrieben:
Andere Nationen müssten ihre Überschüsse abbauen



Richtig, und zwar kräftig. Der 'Ertrag' dieser Überschussproduktionen steht doch sowieso nur auf dem Papier.


Das Betrifft dann zB. Deutschland.

 
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RE: Der Goldstandard

#8 von Spitze Feder , 03.01.2017 19:53

Zitat von Lord Whisper

Zitat von betzner
Wie soll ein Wirtschaftswachstum möglich sein, wenn nur die Geldmenge ausgegeben werden darf, die als Gold hinterlegt ist?


Wirtschaftswachstum kann man dann vergessen.


Warum ? Die Geldmenge alleine führt nicht zu Wirtschaftswachstum (bzw. allenfalls nominal, aber nicht real). Produktivität führt zu Wirtschaftswachstum.

Falls du dich um die Zwischenfinanzierung sorgst - dafür sollen die Real Bills herhalten:

http://www.professorfekete.com/articles/...sOfExchange.pdf

Zitat von Lord Whisper

Zitat von schwma2033

Zitat
Lord Whisper hat geschrieben:
Andere Nationen müssten ihre Überschüsse abbauen


Richtig, und zwar kräftig. Der 'Ertrag' dieser Überschussproduktionen steht doch sowieso nur auf dem Papier.


Das Betrifft dann zB. Deutschland.


Ja. Und ?

 
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RE: Der Goldstandard

#9 von Philharmoniker , 04.01.2017 10:02

Ich habe zum Thema Gold die Frage, ob es dem jetzigen System überhaupt weh tut, wenn man eine Barabhebung macht und sich davon eine Unze Gold kauft? Viele denken ja, sie könnten dem jetzigen System schaden, wenn sie Geld abheben und damit zum Goldhändler gehen, "weil das Geld ja dann weg ist".

Das Geld liegt ja dann in der Kasse z. B. von Degussa und wird dem Finanzsystem mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form einer Bareinzahlung wieder zugeführt. Ob wirklich Geld aus dem deutschen Geldsystem verschwindet, wenn am Anfang der Lieferkette über ein paar Stationen vorher, ein Krügerrand gekauft wird, oder ein Philharmoniker und dann das Geld aus dem deutschen System weg ist, ist für mich schwer zu sagen. Dann müsste genauso gut, das Geld, dass eine Flasche Fairy kostet, oder eine Rasierklinge von Gilitte, irgendwann nicht mehr zur Verfügung stehen, und bei Procter und Gamble auf dem Bankkonto als Umsatz landen.

Auf jeden Fall denke ich, dass es dem BRD System insgesamt nur wenig schadet, wenn die Leute eine Barabhebung machen und das Geld in Edelmetallen verschwinden lassen. Was ihnen weh tut, ist, dass sie nicht mehr durch Schnüffelei herausfinden können, wie groß das Gesamtvermögen eines Bürgers ist, wenn ein Teil davon in Gold steckt, das er daheim oder bankenunabhängig lagert.

Wie groß die Anonymität bei einer Lagerung z. B. bei Degussa oder Pro Aurum ist, ist schwer zu sagen. Die werden ja auch von jedem Kunden einen elektronischen Datensatz in ihrem System haben, auf das ein Geheimdienst oder Staat vielleicht Zugriff hat. Und Schließfächer bei Banken können ja bekannter weise, vom Bundeszentralamt für Steuern abgefragt werden, zu mindestens der Name des Kunden und dass ein Schließfach besteht.

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RE: Der Goldstandard

#10 von Spitze Feder , 04.01.2017 11:13

Zitat von betzner
Ich habe zum Thema Gold die Frage, ob es dem jetzigen System überhaupt weh tut, wenn man eine Barabhebung macht und sich davon eine Unze Gold kauft? Viele denken ja, sie könnten dem jetzigen System schaden, wenn sie Geld abheben und damit zum Goldhändler gehen, "weil das Geld ja dann weg ist".

Nein, auf diese Weise schadet es 'dem System' nicht. Aber es ist sinnvoll, nicht nur für den Käufer, sondern weil wir auf diese Weise etwas mehr Wert für unsere schiefe Handelsbilanz bekommen.

Zitat von betzner
Das Geld liegt ja dann in der Kasse z. B. von Degussa und wird dem Finanzsystem mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form einer Bareinzahlung wieder zugeführt. Ob wirklich Geld aus dem deutschen Geldsystem verschwindet, wenn am Anfang der Lieferkette über ein paar Stationen vorher, ein Krügerrand gekauft wird, oder ein Philharmoniker und dann das Geld aus dem deutschen System weg ist, ist für mich schwer zu sagen.

Nein, passiert auch nicht. Geld (Zahlungsmittel) verschwindet aus dem globalen System bei der Rückzahlung der Kredite, aus denen es entstanden ist. Aber das Geld wird bei den Händlern i.d.R. ins Ausland gehen für neues EM, und wenn es keine Philis sind auch raus aus der EU (Recycling mal aussen vor).

Zitat von betzner
Auf jeden Fall denke ich, dass es dem BRD System insgesamt nur wenig schadet, wenn die Leute eine Barabhebung machen und das Geld in Edelmetallen verschwinden lassen. Was ihnen weh tut, ist, dass sie nicht mehr durch Schnüffelei herausfinden können, wie groß das Gesamtvermögen eines Bürgers ist, wenn ein Teil davon in Gold steckt, das er daheim oder bankenunabhängig lagert.

Richtig. Und der Baranteil des Vermögens, den man ev. für Notfälle zu Hause hat, steht dem System nicht zur Verfügung. Aber das sollte sich doch in Grenzen halten.

Zitat von betzner
Wie groß die Anonymität bei einer Lagerung z. B. bei Degussa oder Pro Aurum ist, ist schwer zu sagen. Die werden ja auch von jedem Kunden einen elektronischen Datensatz in ihrem System haben, auf das ein Geheimdienst oder Staat vielleicht Zugriff hat. Und Schließfächer bei Banken können ja bekannter weise, vom Bundeszentralamt für Steuern abgefragt werden, zu mindestens der Name des Kunden und dass ein Schließfach besteht.

Wie sagt man so schön: Wenn zweie ein Geheimnis kennen, ist es bald kein Geheimnis mehr.

P.S. Das Thema ist mit Variationen und Erläuterungen sicher einen eigenen Thread wert. Muss mir nur mal einen schönen Titel überlegen.

 
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RE: Der Goldstandard

#11 von Spitze Feder , 11.02.2017 11:12


Es
gibt zum Goldstandard ziemlich viel schlaue Literatur, einen schnellen Überblick kann man sich z.B.
auf der FAQ-Seite des Goldstandard-Instituts verschaffen. Allerdings vermisse ich regelmässig einige
Kleinigkeiten, die Otto Normalo sofort auffallen, wenn man Gold als Währung ins Spiel bringt, die aber
allenfalls indirekt beantwortet werden.
Wahrscheinlich erscheinen diese Dinge den Fachleuten zu unbedeutend, um sie zu erwähnen - aber für
die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung müssen sie geklärt werden. Oft werden sie auch von Gegnern
des Goldstandards als scheinbare 'Argumente' genannt.

1.) Wie sollen denn Kleinstbeträge mit Goldmünzen bezahlt werden ? Schon bei heutigen
Preisen wäre ein Euro in reinem Gold kaum mehr als ein Staubkorn !


Warum sollte man Kleinstbeträge in Gold bezahlen ? Historisch gab es immer Kleinmünzen
aus anderen Metallen, teilweise Silber, teilweise auch 'unedle' Metalle.


2.) Münzen sind unpraktisch, ich habe lieber Scheine - geht das im Goldstandard ?

Natürlich geht das im Goldstandard. Auch 'Geldscheine', die bei der Bank in Gold
einzulösen waren, sind historische Realität. Wichtig ist nur, dass jegliches Geld
problemlos in Goldmünzen umtauschbar ist, sobald ein ganz normaler Bürger das
wünscht.


3.) Wie sollen denn Grosshandel oder Internethandel funktionieren ? Auch international ?
Muss man denn dann nicht ständig Gold durch die Welt schicken ?


Zunächst mal würde man wie heute auch 'Clearing' betreiben, d.h. Banken verrechnen
gegenseitige Forderungen aus Überweisungen (auch Überweisungen sind im Goldstandard
an sich problemlos, solange auf beiden Seiten goldgedecktes Geld existiert).

Übrigbleibende Differenzen müsste man dann von Zeit zu Zeit physisch ausgleichen. Das
könnte im internationalen Handel tatsächlich aufwändig sein, aber da Handelsbilanzdefizite
am eigenen Goldvorrat knabbern wäre das Ziel eine weitgehend ausgeglichene Handelsbilanz -
mit entsprechend geringerem Aufwand zur 'Restschuldbegleichung'.


4.) Wie funktionieren Kredite im Goldstandard ? Wo kommen die Zinsen her ?

Kredite à la Fiatsystem mit angebundener Neuschöpfung des verliehenen Geldes kann es im
Goldstandard natürlich nicht geben.

Darlehen wird es geben, und für die Darlehen werden marktübliche Zinsen verlangt. Für die
Zinsen muss der Darlehensnehmer mit allen anderen um das im Markt umlaufende Geld / Gold
konkurrieren, also eine Leistung anbieten, die ihre Finanzierungskosten einbringt. Auch heute
wird ja für fällige Zinsen kein extra Geld geschöpft.

Nur ist es ein Gerücht, dass heute für Zinszahlungen neue Kredite geschöpft werden müssten.
Es werden ja nicht alle Kredite und Zinsen auf einen Schlag fällig, so dass man auch heute
die Zinsen aus dem umlaufenden Geld nehmen kann - sofern man eine Leistung anbietet, die
enstprechend Ertrag bringt.


4a.) Wenn es nur noch Darlehen aus vorhandenem Kapital gibt ist das System aber sehr unflexibel.
Ist es möglich, kurzfristig zusätzliche Liquidität zur Vorfinanzierung von Leistungen zu
bekommen ?


Nur weil die Frage hier so schön passt, Real Bills sind in der GSI-FAQ sehr schön erklärt.

5.) Wenn Menschen in Gold sparen verringert sich die verfügbare Geldmenge, es kommt zu
Deflation. Deflation ist nach Aussage diverser Experten schlecht für die Wirtschaft. Wie kann
es da im Goldstandard Wohlstand geben ?


Wenn nach Einführung eines Goldstandards die Menschen ihr Erspartes nicht zu dem Zweck auf
die Bank bringen, es verleihen zu lassen und Zinsen zu kassieren, führt das tatsächlich zu
Deflation. Allerdings nicht ewig, sondern nur solange, bis sich ein Gleichgewicht einstellt
zwischen Sparen und Entsparen (stabile Bevölkerungsentwicklung vorausgesetzt).

Aber die angeblich negativen Effekte der Deflation auf die Wirtschaft lassen sich auch zum
Grossteil widerlegen:
Alles, was die Menschen (oder auch Firmen) brauchen, wird natürlich gekauft. Das geht ja kaum
anders. Man kann manches etwas verzögern, aber meist nur in engen Grenzen.
Auch alles, was Menschen wirklich wollen, wird gekauft. Computer- und Autoindustrie sind
Jahrzehnte hervorragend damit gefahren, dass jede neue Systemgeneration gegenüber der
letzten deutliche Mehrwerte gebracht hat. In der Modebranche gilt dasselbe sogar ohne
Mehrwert.

Was in einer Deflation eher nicht getätigt wird sind unnötige Ausgaben in der Wirtschaft. Und
das ist auch gut so, solche Ausgaben führen heute regelmässig zu Schieflagen im Bankensystem,
wenn die entsprechenden Finanzierungen als uneinbringlich ausgebucht werden müssen.


5a.) Was passiert, wenn die Weltwirtschaft schneller wächst als die verfügbare Goldmenge ?
Bremst die verfügbare Geldmenge nicht doch das Wachstum ?


Wenn mehr Güter und Dienstleistungen um eine schwächer wachsende oder stagnierende Geldmenge
'konkurrieren' ist das zwar keine echte Deflation, führt aber zu deflatorischen Effekten: Die Preise
sinken wie in einer Deflation.

Was ist jetzt daran schlecht ?
Auch auf diese Weise haben dann nicht nur Unternehmer und (vielleicht) Mitarbeiter etwas von
Produktivitätssteigerungen, sondern sogar die Konsumenten.


So etwas ist allerdings verdächtig und sollte vom Staat genau beobachtet werden ...

 
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RE: Der Goldstandard

#12 von Spitze Feder , 06.01.2019 22:55


Thorsten Polleit
zu einem wichtigen Thema:

„IN DEN 1920ER JAHREN HAT DER GOLDSTANDARD VERSAGT“ – EINE FOLGENSCHWERE FEHLDEUTUNG DER GESCHICHTE

Um es dem Goldstandard anzulasten hätte es eben ein vollwertiger Goldstandard sein müssen, was es aber seit dem Ersten Weltkrieg im Weltfinanzsystem nicht mehr gab.

 
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